Moderne Faktorkonzentrate in der Hämophilie

Hämophilie: eine vererbbare Erkrankung

Bei Hämophilie (Bluterkrankheit) handelt es sich um eine angeborene Blutgerinnungsstörung. Bei Menschen mit Hämophilie können akute Blutungen durch Verletzungen oder spontans Blutungen in Gelenke, Muskulatur oder innere Organe auftreten.

Man unterscheidet zwischen Hämophilie A und Hämophilie B. Patienten mit Hämophilie A weisen einen Mangel an Gerinnungsfaktor VIII auf, bei Hämophilie B kann der Faktor IX fehlen oder reduziert sein. Beide Gerinnungsfaktoren spielen eine relevante Rolle in der Blutstillung. Für beide Formen der Hämophilie gilt: Je weniger funktionstüchtige Blutgerinnungsfaktoren vorhanden sind, desto stärker können sich Beschwerden bemerkbar machen.

Das Therapie-Prinzip „ersetzen, was fehlt“

Das klassische Therapie-Prinzip, insbesondere bei der schweren Hämophilie ist die Faktor-Ersatztherapie, auch als „Substitutionstherapie“ bezeichnet wird. Dabei wird der fehlende Gerinnungsfaktor je nach Schweregrad und Blutungshäufigkeit mehrmals in der Woche in die Vene injiziert. Der Ersatz (die Substitution) des fehlenden Gerinnungsfaktors ist vor allem bei schwerer Hämophilie die Therapie der Wahl. Die Substitutionstherapie wird vorbeugend als Blutungs- und damit Gelenkschutz angewendet und/oder wenn ein akutes Blutungsereignis auftritt. Nach Verabreichung der Gerinnungsfaktoren erreicht ein Hämophilie-Patient i.d.R. einen ausreichend hohen Faktorspiegel im Blut und ist so über einen längeren Zeitraum ausreichend vor Blutungen geschützt.

Schon Ende der 60er-Jahre war es möglich, die fehlenden Gerinnungsfaktoren aus menschlichem Blutplasma zu gewinnen und für die Substitutionstherapie einzusetzen. In den 90er-Jahren wurden die Gerinnungsfaktoren gentechnisch hergestellt, sogenannte rekombinante Faktoren. Im Laufe der Jahrzehnte wurde die Substitutionstherapie immer sicherer und weiter verbessert, so dass vielen Patienten mit schwerer Hämophilie ein nahezu normales Leben ermöglicht wird. In den letzten Jahren kamen Faktorkonzentrate mit verbesserten Eigenschaften auf den Markt, mit denen insbesondere in der Hämophilie B die Injektionsintervalle deutlich verlängert werden können.

 

Abb. 1: Der gesunde Zustand – die Blutgerinnung läuft normal ab

Bei einem Gesunden werden die Faktoren VIII und IX als essentielle Bestandteile der Gerinnungskaskade gebildet, so dass die Blutgerinnung ungehindert ablaufen kann. Als Endprodukt der Blutgerinnung entsteht das Fibrin, welches eine netzartige Struktur bildet und so die Wunde verschließt.

 

Abb. 2: Die Faktorersatztherapie (Substitutionstherapie) bei Hämophilie – ersetzen was fehlt

Bei Hämophilen kann aufgrund eines Gendefektes der notwendige Faktor VIII (bei Hämophilie A) oder der Faktor IX (bei Hämophilie B) nicht mehr ausreichend gebildet werden. Bei der Faktor-Ersatztherapie (Substitutionstherapie) wird der fehlende Faktor einfach in die Vene injiziert und die Gerinnungskaskade kann wieder normal ablaufen.

 

Optimierte Pharmakokinetik verbessert die Lebensqualität

In jüngster Zeit ist die Faktor-Ersatztherapie mittels optimierter Pharmakokinetik noch einen großen Schritt weitergekommen. Rekombinante, d.h. gentechnisch hergestellte Gerinnungsfaktoren haben eine längere Halbwertszeit und Verweildauer im Blut. Der Patient muss nicht mehr so oft spritzen – ein Gewinn an Lebensqualität für ihn.

Neue Therapieansätze für die Hämophilie

Ein neuer Behandlungsansatz für die Therapie der Hämophilie A eröffnet sich mit einem sogenannten „bispezifischen, monoklonalen Antikörper“. Dabei handelt es sich nicht um eine klassische Ersatztherapie, bei der der fehlende Gerinnungsfaktor-VIII ersetzt wird. Vielmehr entsteht im Körper ein neuartiger, nicht physiologischer Proteinkomplex , der die Rolle des Faktors VIII übernimmt. Obwohl strukturell völlig anders, ahmt dieser Komplex die Funktion des natürlichen Gerinnungsfaktors VIII nach.

Erste klinische Ergebnisse zur Wirksamkeit und Sicherheit liegen vor, allerdings gibt es noch keine Langzeiterfahrungen. Die Zukunft wird zeigen, ob dieses Therapieprinzip auch langfristig die Erwartungen bzgl. Wirksamkeit und Sicherheit erfüllen wird.

Einen alternativen Ansatzpunkt für ein neues Therapieprinzip bietet die Gerinnungshemmung. Es gibt natürliche Wege der Gerinnungshemmung, damit der Gerinnungsvorgang nicht in eine Thrombose umschlägt. Da bei Hämophilen die Gerinnung sowieso vermindert ist, ist diese Form der Gerinnungshemmung eher störend. Die gezielte Reduzierung der Gerinnungshemmung kann durch die Blockade der körpereigene Gerinnungshemmer wie z.B. TFPI (Tissue Factor Pathway Inhibitor) oder Antithrombin hervorgerufen werden.

Aktuell stehen Antikörper im Fokus, die spezifisch das TFPI hemmen können. Ebenfalls stehen im Blickfeld der Forscher die sogenannten RNAi-Therapeutika, die das Gen für Antithrombin gezielt ausschalten. Die klinischen Studien werden zeigen, ob diese Substanzen bei der Therapie der Hämophilie sicher und wirksam eingesetzt werden können.

Sehr viel wissenschaftliche Aufmerksamkeit zieht aktuell die Gen-Therapie auf sich. Mittels Viren, sogenannten viralen Vektoren, werden funktionsfähige Gene in menschliche Zellen transportiert. Durch den Gentransfer besteht erstmalig die Möglichkeit, die Hämophilie zumindest über einen längeren Zeitraum zu verbessern, vielleicht sogar zu heilen.  Die ersten klinischen Studien sind angelaufen und die Zukunft wird zeigen, wie sicher und wirksam diese innovativen Therapieansätze sein werden.