Ein naher Verwandter ist in den 80er Jahren durch Faktorkonzentrate mit HIV infiziert worden und daran gestorben. Droht meinem Sohn das gleiche Schicksal?

Nein. Die Faktorkonzentrate von heute sind nicht mehr mit den Faktorkonzentraten von früher zu vergleichen. Die Übertragung von Lebererkrankungen (Hepatitis) und HIV durch Faktorkonzentrate hat zu weitreichenden Veränderungen geführt. Eine der wichtigsten Neuerungen ist dabei die Einführung von Virusinaktivierungsschritten im Herstellungsverfahren der Konzentrate gewesen. So haben die Behringwerke als erstes Unternehmen 1981 ein Faktor-VIII-Konzentrat zugelassen, das durch die Pasteurisierung effektiv virusinaktiviert worden ist. Dieses Konzentrat gilt als virussicher. Es konnten keine Übertragungen mehr nachgewiesen werden, wenn ausschließlich dieses Faktor-VIII-Konzentrat gegeben wurde. Die anderen Hersteller von Faktorkonzentraten haben auch Schritte in den Herstellungsprozess eingebaut, so dass heutzutage alle Faktorkonzentrate nach menschlichem Ermessen als sicher gelten. Eine der schlimmsten Nebenwirkungen der heutigen Therapie ist das Entstehen von Hemmkörpern, nicht die Übertragung von Hepatitis- oder HI-Viren.

Auch die Therapie hat sich sehr geändert. Vor 40 Jahren ist die Heimselbstbehandlung in Deutschland begonnen worden und hat sich inzwischen als Standard etabliert. Auch die prophylaktische Gabe von Faktorkonzentrat zwei- bis dreimal die Woche hat sich aufgrund ihrer Erfolge durchgesetzt. Ziel der Therapie in Deutschland ist das Vermeiden von Blutungen und deren Folgeschäden, wie z. B. Gelenkveränderungen. Junge Erwachsene, die von klein auf diese Therapie bekommen haben, führen heutzutage ein normales Leben – wie Gleichaltrige ohne Hämophilie auch.